#16 Rosenstolz – Ich bin ich

Wenn ich gegen meine Tochter antrete, gewinne ich immer. Damit anzugeben ist nicht sonderlich nett, denn meine Tochter ist noch keine 2 Jahre alt. Ich hatte also deutlich mehr Zeit, all die Dinge zu üben. Doch ich bin ein fairer Sportsmann und trage sorge dafür, dass sie es bald mit mir aufnehmen kann. 

Ich zeige ihr wie man Bücher liest, Sandburgen baut oder so richtig schön quatsch macht; und wenn wir mal einen Wettkampf machen, bin ich – ab und an – auch ein fairer Papa und lasse sie gewinnen.

Ja, normalerweise gewinne ich gegen meine Tochter: Doch im Moment gibt es eine Sache – und ich bin mir sicher, dass es nicht die Letzte sein wird -, wo mir meine Tochter voraus ist. 

Seit einigen Wochen lernt sie laufen. Mittlerweile flitzt sie durch unsere Wohnung.
Ruckzuck ist sie von der Terrassentür wieder am Esstisch und bevor ich mich versehe wieder an der Tür. Die ganze Wohnung ist zu Ihrer Laufstrecke geworden. Und wenn Sie mal irgendwo gegen rennt, hinfällt oder über ihre eigenen Füße stolpert, dann schaut sie mich nur kurz n, stellt sich wieder hin und flitzt erneut los.

Ich hingegen stehe im Moment mehr auf wackligen Beinen. Wankel am Ende meines Studiums und am Beginn der Arbeitswelt. Statt zu rennen, plane ich zörgerlich den nächsten Schritt und dann kommt eine Ecke und ich stolpere. 

Zwar schaue ich dann auch mit großen Augen um mich, aber im Gegensatz zu meiner Tochter stehe ich nicht direkt wieder auf. Oft sitze ich da und ärger mich über die Ecke. Warum ist sie gerade jetzt da? Warum trifft es mich? Wieso war ich so dumm dagegen zu laufen? Und wenn ich mich, nach einer viel zu langen Zeit, wieder Aufraffe, konzentriere ich mich viel zu sehr auf die nächste Ecke, die mich aus der Bahn werfen könnte.

Ja, eigentlich gewinne ich immer gegen meine Tochter, aber im Moment steht sie auf eigenen Beinen und zeigt ihrem Papa wie das geht.

Ganz schön dämlich von mir. Ich weiß. Alles fühlte sich so zäh an. So Auswegslos und ohne alternative. Als würde sich alles mir in den Weg stellen und mich mit aller Kraft in die Knie zwingen.

Irsinn. Ich hab mein Gleichgewicht komplett verloren und muss für andere gerade stehen. Soll sogar Vorbild sein.

Ich will jetzt wirklich auch nicht zu viel jammern. Der ein oder die andere im Raum, kann sicherlich von deutlich größeren Sinnkrisen erzählen. Hey ich bin 29 und das wird sicher nicht die letzte Ecke sein gegen die ich renne.

Oder wie es Kohelet sagt: „Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was getan wurde, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne“

Beruhigend zu wissen, dass alles seine Zeit hat und nichts unnormal ist. Auch die wackligen Beine. Auch die Sorgen.

Meine Tochter hat es mir damals vorgemacht. Und immer wenn ich falle denke ich daran, was sie mir beigebracht hat:

Einfach aufstehen. Keine Angst und darauf vertrauen, dass alles gut wird.

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