Trettmann – Grauer Beton

Grauer Beton, rauer Jargon. Als ich das Lied zum ersten Mal gehört habe, hat es mich direkt in seinen Bann gezogen. Ich komme nicht aus der Platte, bin ganz gut behütet in der Nähe vom Godesberger Villenviertel aufgewachsen, war zwar nie reich, dafür aber immer in der Mitte der Gesellschaft. Mein Grauer Beton ist nicht zu Vergleichen mit dem von Trettmann.

Als Kind dachte ich immer, dass ich ein ganz normales Leben eines deutschen Kindes führe. Aus meiner Sicht gab es keine Hindernisse auf meinem Weg: was ich erreichen wollte, konnte ich erreichen. So ging es auf das Gymnasium, ins Studium, in die Berufswelt. Die Hindernisse, die sich mir aufstellten, lagen vor allem an der Frage, wie viel Kraft ich investierte.

Erst später wurde mir klar, dass das was ich hatte, alles andere als normal ist. Ich komme aus keiner Akademikerfamilie. Die Tatsache, dass ich einen Hochschulabschluss habe, ist etwas Besonderes. Die Möglichkeit, dass ich auf ein Gymnasium gehen konnte, hat es vor einer Generation nicht gegeben.

Die Einsicht, dass mein Leben etwas Besonderes ist, zeigt mir, dass im Normalfall es schlechter verläuft. Aus meiner Perspektive wirkte es normal, dass mein eigenes Können das einzige Hindernis ist. Aus meiner Perspektive war es damals klar, dass es auch bei anderen so ist. Ich hatte keinen Blick dafür, dass es auch damit zu tun hatte, wo ich geboren worden bin. Eben nicht im grauen Beton. Eben nicht im Ostendeutschland. Eben nicht an einem Ort, wo hinter jeder Tür ein Abgrund lauert.

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