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Schaut Gott nur zu?

Das Corona-Virus stellt mein Leben in Frage, Mundschutz, Abstand, null Treffen mit Freunden und Freundinnen. Das Virus stellt aber auch mein Bild von Gott in Frage: Hat er es sich auf der Zuschauerbank gemütlich gemacht und schaut uns zu, während das Virus die Menschheit bedroht?

Hat Gott die Finger im Spiel bei Katastrophen?

Ich bin davon überzeugt, dass diese Pandemie nicht Gottes Schuld ist. Sie scheint ihren Ursprung im Fehlverhalten einiger Menschen zu haben. Gott wirft keinen Ball ins Spiel unseres Lebens und mischt damit die Lebenswelt der Menschheit auf. Er spielt dabei keine Rolle, genauso, wie er bei anderen Katastrophen, dem Tsunami oder der Kernschmelze in Fukushima nicht die Finger im Spiel hatte. Gott scheint nur zuzuschauen, einzugreifen und die Katastrophe abzuwenden, das scheint unsere Aufgabe, nicht seine zu sein.

Welche Rolle spielt dann Gott in der Katastrophe?

Aber Gott lässt die Katastrophen zumindest zu. Er lässt dem Menschen die Freiheit zu leben und sein Leben zu zerstören. Gott greift nicht ein in unser Geschehen, auch wenn wir das gern hätten und ihn manchmal inständig darum bitten. Würde Gott eingreifen, müsste er überall eingreifen, wo Ungerechtigkeit und Leid herrscht, und er würde neue Ungerechtigkeit und neues Leid schaffen. 

Der Mensch ist frei und macht deshalb immer mal wieder etwas falsch. Es fehlt ihm die Erkenntnis vom wirklich Richtigen. Der Mensch kann nur das Gute anpeilen. Ob es dann eintritt, steht nicht in seiner Macht. Deshalb haben alle Katastrophen ihre Ursache in der Natur selbst oder im Handeln der Menschen und meist in der Mischung von beidem.

Gott verlässt die Zuschauerbank

Doch Gott ist einmal aus seiner Zuschauerrolle herausgetreten. In Jesus hat er uns gezeigt, was unsere Aufgabe als Menschen ist: An der Vollendung der Welt mitzuwirken und Jesu Beispiel zu folgen. Mit seinen Heilungswundern hat er die Seelen und Körper der Menschen berührt und sie gesund gemacht. Mit seinen Reden hat er seinen Zeitgenossen das Kommen der Vollendung bildlich vor Augen geführt, damit sie verstehen, was er tat und was wir Menschen in Zukunft tun sollen. Die Vollendung ist die Zusage Gottes an uns Menschen. Am Ende der Zeit – so die Hoffnung der Jünger nach der Erfahrung von Jesu Auferstehung – wird diese Welt vollendet.

Unser Job in der Corona-Krise

So banal das klingt: Ich glaube, dass wir Jesus nachfolgen, wenn wir mit Mundschutz durch die Gegend laufen und Abstand halten. Dann folgen wir dem Tun Jesu: Wir wirken mit am Heil der Menschen, wir helfen dabei, die Ansteckungskurve flach zu halten. Das ist unser Auftrag in der Krise und es sind gerade die Risikogruppen, die Alten und Kranken, die wir damit schützen, wie Jesus sie vor 2000 Jahren geschützt hat.

Wer jetzt generell die Erkenntnisse der Wissenschaft nicht wahrhaben will, wer gegen die Abstands- und Hygieneregeln handelt, der macht sich nicht allein strafbar. Der macht sich schuldig am Leid anderer, der gefährdet sie und bringt großes Unheil in die Welt, auch schon mit kleinen Gesten.

Zu guter Letzt

Und Gott? Gott steht auch in der Krise für das gute Ende. Er garantiert nach dem Abpfiff unseres Lebens das Heil für alle Menschen. Wann es kommt, wie es kommt, das wissen wir nicht. Aber wir können hoffen. Und das ist in der Corona-Krise das Wichtigste: Dass wir die Hoffnung nicht verlieren und für die Gesundheit und das Heil der anderen eintreten. Dann kommen wir alle gemeinsam heil durch die Krise.

Wieso feiern die Katholiken eine Eucharistie?

Wenn Du schon einmal am Sonntag in einer katholischen Kirche zum Gottesdienst warst, dann hast Du höchstwahrscheinlich eine Messfeier mit Eucharistie erlebt. Im Gegensatz zu den protestantischen Glaubensgeschwistern feiert die katholische Kirche jeden Sonntag Eucharistie. Eucharistie kommt aus dem griechischen und meint Danksagung. Konkret ist es in der Messe die Zeit in der Brot und Wein gesegnet und anschließend an die versammelte Gemeinde verteilt werden. Das alles geschieht in Erinnerung an das letzte Abendmahl. Doch wie kam es zu der jetzigen Form?

Jesus isst mit Anderen

Wenn Du Dir die Berichte über das Leben Jesu, wie sie im Neuen Testament aufgeschrieben sind, durchliest, wirst Du feststellen, dass Jesus sehr viel gemeinsam mit anderen am Tisch sitzt und isst. In Jesus Jüngerschaft zu sein, bedeutet ganz konkret der Mahlgemeinschaft anzugehören.

Diese Mahlgemeinschaften waren mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Erfindung von Jesus und seiner Jüngerschaft, sondern gängige Praxis im Nahen Osten. Ein Rabbiner saß zu jener Zeit mit seiner Jüngerschaft herum, aß und lehrte. Es gab eine Verbindung zwischen dem hohen Reden über die Schrift, der Einfachheit der Nahrungsaufnahme und der gemeinsamen Zeit zusammen.

Besonders wurde das gemeinsame Speisen dadurch, dass Jesus die Trennung der sozialen Schicht missachtete. Aß sonst jede soziale Schicht mit ihresgleichen, lud Jesus auch die Sünder*innen, Bettler*innen und Kranke mit an den Tisch.

Jesus verband im gemeinsamen Essen die Menschen über die sozialen Schichten hinaus miteinander. Außerhalb dieser Mahlgemeinschaft hätten diese Personen wahrscheinlich nie etwas bewusst voneinander gewusst.

Ein letztes Mahl

In der Kontinuität dieser Mahlgemeinschaften steht auch das letzte Abendmahl, dass Jesus in der Überlieferung der Evangelien des Markus, Matthäus und Lukas sowie in den Briefen des Paulus mit seinen zwölf Jüngern hielt. Eingerahmt ist das letzte Abendmahl in die Geschichte des Sterbens und Auferstehen Jesu. Es findet ursprünglich als Pessach Mahl statt.

Das Pessach-Mahl ist ein Fest des Judentums in Erinnerung an die Befreiung durch Gott und den anschließenden Auszug aus Ägypten (Exodus 12). Es ist ein zentrales Element des jüdischen Glaubens, da sich die Beziehung des jüdischen Volkes mit Gott immer wieder auf dieses Moment bezieht. Der Gott, der das jüdische Volk aus Ägypten befreit hat.

Dieses Mahl hält auch Jesus mit seinen Jüngern. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da ja alle dem jüdischen Glauben angehörten. Nichts besonders, bis Jesus Brot und Wein als sein Fleisch und Blut deutet, dass er für die Welt hingegeben hat. Diese Einsetzungsworte, werden Dir wahrscheinlich von der Eucharistiefeier am Sonntag bekannt vorkommen.

Die Gemeinschaft im Essen

Es ist nicht verwunderlich, dass die Mahlfeiern als zentrales Element des Wirken Jesu, nach seinem Sterben, Auferstehen und auffahren in den Himmel, auch in den christlichen Ur-Gemeinden übernommen worden ist. So schreibt die Apostelgeschichte (die Weiterführung des Lukasevangelium) im Kapitel 2 Vers 42, dass die Gemeinden sich an die Lehren der Aposteln (die 12 Jünger Jesu) hielten. Diese waren: die Gemeinschaft, das Brot brechen und das Gebet.

Diese Mähler wurden in Freude und Einfalt der Herzen gefeiert. Wie einfältig das Herz manchmal war, zeigt der Einwand des Apostels Paulus, der sich im Brief an die Korinther bitterlich über die gängige Mahlpraxis beschwert. Paulus berichtet davon, dass der eine schon betrunken ist, während der andere noch hungert. (1. Kor 11, 21)

Deswegen forderte Paulus die Trennung der Agapefeier, die auch die Speisung für die Bedürftigen enthielt von dem Herrenmahl in einer sakralen Feier. Das ist der Grundstein für die damals untypische und bis heute Andauernde Trennung von profaner und sakraler Mahlzeit.

War damals noch Christ-sein eine Frage der gemeinsamen Mahlzeit
wurde Christ-sein mit Paulus eine Frage des gemeinsamen Bekenntnisses.

Und so steht dann heute im Katechismus, dass durch die Eucharistie die Gemeinde Anteilnahme an der himmlischen Liturgie hat.

Bis zu diesem Punkt

Die heutige Liturgie, also die Art und Weise wie gefeiert wird, der Eucharistie hat nur noch in seinen Anklängen etwas von einem richtigen gemeinsamen Essen. Das Speisen und Trinken ist zu einem Symbol, eingebettet in einer Feier von Symbolen geworden.

Trotzdem steht die Erinnerung an das gemeinsame Essen ganz zentral im Mittelpunkt des katholischen Christentums. Die katholische Kirche ist davon überzeugt, dass durch die Wandlung des Priesters das Brot und der Wein zu Fleisch und Blut Jesu Christi werden und er in diesem Moment ganz nah ist.

Dabei hätte auch alles anders laufen können. Im Johannes Evangelium steht nicht das Abendmahl, sondern die Fußwaschung im Zentrum der Vorbereitung auf den Tod. Wie sähe die Kirche wohl dann aus?

Wenn Du Lust hast, darüber nachzudenken, kann ich Dir Sinnsucher+ZuHause „Zwischen Ostern und Pfingsten“ empfehlen, die Du kostenlos bei uns bestellen kannst.

Adams Wedding – Oh Human Heart

Mit Heilig Abend, haben 24 Tage warten ein Ende. Oh Human Heart von der Schweizer Band Adams Wedding hat mich 2019 in der Weihnachtszeit begleitet. Ich mag Weihnachten, nicht nur, weil es oft Momente des Friedens und der Besinnlichkeit mitbringt. Die Zeit der Vorbereitung ist vorbei und das Jahr geht zu Ende. In der Stimmung lässt sich gut feiern. Aber Weihnachten ist dabei nicht immer harmonisch. Es ist viel Aufwand alle zu sehen und es ist eine schwere Entscheidung manche auch nicht zu sehen.

Oh human heart / Find beauty on the whole in shards heißt es im Song und irgendwie ist es das, was mich dieses Jahr am meisten berührt hat: Die Schönheit in den Scherben zu finden. In diesem Sinne wünsche ich Dir und den Menschen, die Dir wichtig sind gute und besinnliche Weihnachten.

Wenn Du Lust hast zwischen Weihnachten und Neujahr Dich von meinen Impulsen begleiten zu lassen, freue ich mich, wenn wir uns beim Sinnsucher+Kurs „Neustart“ lesen. Der Kurs ist, wie alles auf dieser Seite, für Dich kostenlos.

Fynn Kliemann – Zuhause

Als ich im ersten Semester meines Studiums war, war es klar, wenn ich nach Hause fahre, ich in meine Geburtstadt fahre. Heimat das war etwas, dass mit einem Ort verbunden war. Der Ort, an dem ich geboren worden bin, groß geworden und jede Ecke eine alte Geschichte parat hält. Der Ort, an dem damals auch noch die meisten meiner Freunde gewohnt haben, sowie meine Eltern.

Wenn ich heute aufbreche, um für die Weihnachtstage in meine Geburtsstadt zu fahren, fahre ich nicht mehr nach Hause. Ich fahre mit Menschen, die mein Zuhause sind zu Menschen, die mir das erst ermöglicht haben. Über die Jahre und damit einhergehend das kennenlernen von vielen tollen Menschen an vielen Orten, ist mir klar geworden: Mein Zuhause ist kein Ort. Das bist du.

Meine Heimat ist da, wo ich mich geborgen fühlen kann und so sein darf wie ich bin.

Revolverheld – Ich lass für Dich das Licht an

In den letzten 21 Tagen habe ich immer wieder mal einen zu einem Lied beschrieben, wie viele auf und abs es in einer Beziehung geben kann. Worte finden, Spannungen aushalten, sich selbstfinden, aufgeben, Neustarten. Aber heute möchte ich eigentlich dieses Video und das Lied für sich stehen lassen.

Jemanden lieben braucht manchmal nur das Licht, dass für den*die Andere*n angelassen wird.

Wir sind Helden – Nur Ein Wort

Ach wie gern hätte ich ab und an ein Wort, mit dem ich all das sagen könnte, was ich mir gerade im Herzen brennt. Ein Wort mit dem all das unaussprechliche eine Form bekäme; womit klar wäre, warum es sich gerade bei mir dreht. Du würdest fragen, was mit mir gerade los sei und was mit mir nicht stimmt, ob Du mir helfen kannst oder ich was brauche und ich würde dieses eine Wort sagen und alles wäre geklärt.

Kein Missverständnis stände zwischen uns und keine weiteren Erklärungen wären nötig. Denn Du würdest dieses eine Wort verstehen und ich könnte alles in dieses eine Wort legen.

Doch, ich weiß es, dieses Wort existiert nicht, denn wie soll etwas Form finden, dass in mir selbst so formlos ist. Wir beide sind eben für uns genommen eigene Herausforderungen. Es gibt kein Wort, das uns beschreibt und es wird kein Wort geben, was das zwischen uns auflöst.

Es ist verrückt, wie schön du schweigst.

Gloria – Eigenes Berlin

Es gibt Menschen mit denen verbringe ich meine Zeit, weil ich es muss. Mit anderen, weil sie nett sind, aber vor allem, weil ich gerade eine ähnliche Zeit mit Ihnen durchmache und mit anderen, weil ich tief von dem Menschen fasziniert bin. In meinem Freundeskreis gibt es konstanten. Das erstaunlichste dabei? Die allermeisten von Ihnen leben nicht bei mir Vor-Ort, sondern schon ein ordentliches Stück entfernt. Der Kontakt ist eher spärlich, aber wenn wir uns mal treffen, dann gibt es kein fremdeln; dann fühlt es sich direkt vertraut an.

Es ist schön zu wissen, dass Menschen mit mir im Kontakt bleiben, weil sie mich als Person schätzen. Freiwillig. Ohne Zwang, Notwendigkeit oder höherer Absicht. Wenn es mir mal nicht so gut geht, dann wirkt es surreal, dass diese Menschen da sind.

Vielleicht bleib ich nicht bei Dir. Was hält mich schon für immer hier? Und ich bin mir sicher, dass wir uns trotzdem nicht verlieren.

Prinz Pi – Funkeln

Wer bin ich eigentlich, wenn keiner guckt?
Wenn ich mit mir alleine bin.
Wenn gerade keiner mit mir redet.
Wenn ich gerade an keinen denke.
Wenn keine Benachrichtigung mich an was erinnert.
Wenn ich einfach alleine mit mir bin.
Wenn keiner guckt.

Wer bin ich eigentlich, wenn keiner guckt?
Am Anfang war die Maske nur gemalt.
Und dann haben alle mich genau so kennengelernt.
Ohne Makel – die habe ich überschmickt
Ohne Fehler – die habe ich geheim gehalten
Ohne Probleme – die interessieren nicht

Am Anfang war die Maske nur gemalt.
Und die Farben waren die Waffen meiner Wahl.
Doch die Farben bleiben
und die Maske sitzt fest.

Wer bin ich eigentlich, wenn keiner guckt?
Wenn keiner was sagt

Wenn ich nur mich selber hören kann

Sarah Lesch – Testament

Ab und an ertappe ich mich dabei, wie ich denke, ich hätte alles schon gesehen. Viel zu oft folgt mein Alltag und meine Entscheidungen, den Entscheidungen, die ich vor Jahren mal getroffen habe. In der Überheblichkeit, nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, was ich eigentlich genau will, vergesse ich oft innen zu halten und meine eigenen Prämissen kritisch zu betrachten.

Ich empfinde das als eine positive Seite des Älterwerdens, dass ich mir nicht mehr über alle Dinge Gedanken machen muss, hin- und hergerissen bin, sondern es auch einiges gibt, zu dem ich mir eine Position gebildet habe. Andererseits bekam ich in Studententagen immer wieder zuhören, dass meine Ideen vor allem auf jugendlichen Leichtsinn basieren und wenig mit der Realität gemein haben.

Heute weiß ich, dass das Abheben und Ketten lösen, der erste Schritt zur Problemlösung ist. Menschen, die dich kleinhalten, dich festhalten und binden wollen, sind nicht an Problemlösung, sondern nur an Machterhalt interessiert.

Und daran muss ich mich immer wieder selbst erinnern, wenn ich einen anderen Weg als fremd wahrnehme. Und daran muss ich mich auch immer erinnern, wenn meine Tochter Sachen macht, die ich nicht getan hätte. Denn das wichtigste ist, dass ich ein Kind hinterlasse, das sich selbst gehört.

Stimming – Bright Star (Sunset mix)

Egal wo ich hingehe: Du warst schon da.
Und egal wo ich anfange: Du bist schon da.
Und egal was ich plane: Du wirst schon da sein.

Es ist nicht leicht vor Dir wegzulaufen,
und genauso schwer ist es Dir zu begegnen.
Und welche Ideen ich auch habe
und welche Experimente ich auch wage,
Du bist schon da.

Mein Gott, wo bist Du eigentlich nicht?
Und wo bist Du, aber zeigst Dich niemanden,
versteckst Dich im Feuer,
ziehst Dich zurück auf’s heilige Land
bleibst Unantastbar und sagst: Du bist da.

Ich sag: Du machst Dich unglaubwürdig!

Und dann denke ich wie Du zu mir sagst:
Ich bin schon da, bevor Du Dich auf den Weg gemacht hast.
Ich war schon Gast, bevor Du beschlossen hast jemanden einzuladen.

Hey! Vielleicht kennen die da draußen nicht den Gott Deiner Eltern,
aber sie kennen Dich: Denn Du bist da.
Vielleicht verstehen sie nicht meine Sprache,
aber sie kennen Dich: Denn Du bist da.

Ich trage Dich nicht zu den Menschen.
Die Menschen tragen Dich zu mir.

Rosenstolz – Ich bin ich

Wenn ich gegen meine Tochter antrete, gewinne ich immer. Damit anzugeben ist nicht sonderlich nett, denn meine Tochter ist noch keine 2 Jahre alt. Ich hatte also deutlich mehr Zeit, all die Dinge zu üben. Doch ich bin ein fairer Sportsmann und trage sorge dafür, dass sie es bald mit mir aufnehmen kann. 

Ich zeige ihr wie man Bücher liest, Sandburgen baut oder so richtig schön quatsch macht; und wenn wir mal einen Wettkampf machen, bin ich – ab und an – auch ein fairer Papa und lasse sie gewinnen.

Ja, normalerweise gewinne ich gegen meine Tochter: Doch im Moment gibt es eine Sache – und ich bin mir sicher, dass es nicht die Letzte sein wird -, wo mir meine Tochter voraus ist. 

Seit einigen Wochen lernt sie laufen. Mittlerweile flitzt sie durch unsere Wohnung.
Ruckzuck ist sie von der Terrassentür wieder am Esstisch und bevor ich mich versehe wieder an der Tür. Die ganze Wohnung ist zu Ihrer Laufstrecke geworden. Und wenn Sie mal irgendwo gegen rennt, hinfällt oder über ihre eigenen Füße stolpert, dann schaut sie mich nur kurz n, stellt sich wieder hin und flitzt erneut los.

Ich hingegen stehe im Moment mehr auf wackligen Beinen. Wankel am Ende meines Studiums und am Beginn der Arbeitswelt. Statt zu rennen, plane ich zörgerlich den nächsten Schritt und dann kommt eine Ecke und ich stolpere. 

Zwar schaue ich dann auch mit großen Augen um mich, aber im Gegensatz zu meiner Tochter stehe ich nicht direkt wieder auf. Oft sitze ich da und ärger mich über die Ecke. Warum ist sie gerade jetzt da? Warum trifft es mich? Wieso war ich so dumm dagegen zu laufen? Und wenn ich mich, nach einer viel zu langen Zeit, wieder Aufraffe, konzentriere ich mich viel zu sehr auf die nächste Ecke, die mich aus der Bahn werfen könnte.

Ja, eigentlich gewinne ich immer gegen meine Tochter, aber im Moment steht sie auf eigenen Beinen und zeigt ihrem Papa wie das geht.

Ganz schön dämlich von mir. Ich weiß. Alles fühlte sich so zäh an. So Auswegslos und ohne alternative. Als würde sich alles mir in den Weg stellen und mich mit aller Kraft in die Knie zwingen.

Irsinn. Ich hab mein Gleichgewicht komplett verloren und muss für andere gerade stehen. Soll sogar Vorbild sein.

Ich will jetzt wirklich auch nicht zu viel jammern. Der ein oder die andere im Raum, kann sicherlich von deutlich größeren Sinnkrisen erzählen. Hey ich bin 29 und das wird sicher nicht die letzte Ecke sein gegen die ich renne.

Oder wie es Kohelet sagt: „Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was getan wurde, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne“

Beruhigend zu wissen, dass alles seine Zeit hat und nichts unnormal ist. Auch die wackligen Beine. Auch die Sorgen.

Meine Tochter hat es mir damals vorgemacht. Und immer wenn ich falle denke ich daran, was sie mir beigebracht hat:

Einfach aufstehen. Keine Angst und darauf vertrauen, dass alles gut wird.

Danger Dan – Sand in die Auge

Seit 4 Jahren bin ich stolzer Papa einer wunderbaren Tochter. Sie ist mal frech, mal lieb, mal abenteuerlustig, mal ruhig, mal selbstbestimmt und mal anhänglich – sie ist ein Mensch mit vielen tollen Facetten und doch gibt es eine Sache, die ihr Leben vorbestimmt: Sie ist weiblich und wird sich allein deswegen schon mit anderen Problemen herumschlagen müssen als ich.

Ich will hier keine große Debatte beginnen. Ich möchte nur die Beobachtung teilen, dass sie Kleidung aus der Jungsabteilung kaufen muss, weil sie sonst nicht ihre Lieblingsfarbe, sondern nur Rosa und Rot tragen könnte; dass es in ihrer Lieblingsserie fünf Helden und nur eine Heldin gibt. Dass ihr auch heute schon gesagt wird, dass sie so lieb sei und brav und gleichzeitig kritisch beäugt, wenn sie mal wild und unnachgiebig ist.

Wie soll ich ihr erklär’n, wo liegt da der Unterschied?, rappt Danger Dan und spricht mir mit dem Song aus meiner Vaterseele. Ich wünsche mir eine Welt, wo es keine Rolle spielt, wo es nicht um Mann und Frau geht, sondern um Menschen.

Hey, ich habe das schon oft erlebt, dass wenn ich diese Punkte anspreche, gleich Leute aus Ecken gekrochen kommen, die von Verblendung und Ideologie schwadronieren. Doch es bleibt ja ein Dorn, dass wir von Krankenschwestern und Ärzten sprechen, statt Krankenpflegern und Ärztinnen und es eben Frauen sind, die in unserer Gesellschaft viel zu oft, systematisch auf Körperlichkeiten reduziert werden: ambivalent zwischen Mutterrolle und Topmodell.

Mir egal, welche Ideologie was gerade für sich beansprucht. Das interessiert mich nicht. Ich bin Christ und als solcher stehe ich dafür ein, dass wir Menschen sind und es keinen Unterschied machen sollte, welches Geschlecht wir haben. (Gal 3, 28)

Und so lautet meine Antwort auf: Wie soll ich ihr erklären, es gibt da ein paar Unterschiede / Die sich nicht erklären lassen, aber sie soll unterliegen. – Ich arbeite dran.